Integration auf zwei Rädern

Fahrradwerkstatt des Erthal Sozialwerks in Würzburg

Eigene Fotografie (Tabea Hanstein)

Psychische Erkrankungen und Behinderungen, wie beispielsweise Borderline oder Persönlichkeitsstörungen, stellen in der Berufswelt immer noch ein Problem dar. Personen, die damit kämpfen, werden oft von der Gesellschaft ausgeschlossen und haben keine Chance mehr auf dem regulären Arbeitsmarkt. Die Fahrradwerkstatt des Erthal Sozialwerks hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, diese Menschen mithilfe von Arbeit, die ihnen Struktur im Alltag gibt, wieder ialltäglichen Leben zu integrieren. Bei meinem Besuch vor Ort stellten mir der Werkstattleiter Hans Schulz und der Abteilungsleiter Hermann Lutz die Arbeit in der Einrichtung vor. Und neben der sozialen Nachhaltigkeit kommt auch die Umwelt nicht zu kurz, da alte Schrotträder wieder aufgemöbelt und zu studi-freundlichen Preisen verkauft werden. Daneben gibt es selbstverständlich auch alles rund ums Rad sowie neue Fahrräder, e-bikes (Pedelecs) und eine Fahrradwaschstraße.  

Die Werkstatt in der Sanderstraße 27 existiert seit 1984 und gehört zum Erthal-Sozialwerk gemeinnützige GmbHeiner Einrichtung von zwei Würzburger Wohlfahrtsvereinen. Neben den Würzburger Einrichtungen ist das Erthal-Sozialwerk noch in Aschaffenburg, Marktheidenfeld, Gemünden und Lohr tätig.  

Im Fahrradservice in der Sanderstraße arbeiten derzeit 25 Mitarbeiter*innen mit vier Gruppenleitern und einer Produktionshelferin. Rund 12.000 Kunden sind Ausdruck des kontinuierlichen Wachstums. Die Mitarbeiter*innen der Werkstatt arbeiten komplett selbstständig und erledigen Aufgaben wie beispielsweise das Verwalten der Kasse, das Aufnehmen und Bearbeiten von Aufträgen oder das Reparieren von Fahrrädern. Auch für Studierende könnte es jetzt interessant werden, denn hier werden viele reparierte und aufgepimpte Fahrräder zu fairen Preisen verkauft.  

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Werkstatt sich leistungsmäßig von keiner anderen Werkstatt abhebt, denn die Mitarbeiter*innen bekommen regelmäßig Schulungen, um konkurrenzfähig zu bleiben. So wird auch kein Unterschied unter den Mitarbeiter*innen gemacht, denn es ist jeder gleichgestellt, egal wie viel der- oder diejenige leistet.  

Nach der Einschätzung des Werkstattleiters Hans Schulz leisten fünf Mitarbeiter*innen hier etwa so viel wie ein/eine Arbeiter*in auf dem regulären Arbeitsmarkt. Dennoch wird sehr viel Wert darauf gelegt die Fahrradwerkstatt nicht als Behindertenwerkstatt nach außen zu tragen, denn es soll vor allem für die Mitarbeiter*innen so viel Normalität wie möglich geschaffen werden.  

Die Werkstatt nimmt Menschen auf, die mit dem Leistungsdruck auf dem regulären Arbeitsmarkt wegen ihrer psychischen Erkrankung oder Behinderung nicht mithalten können. Eine Aufnahme ist generell ab 18 Jahren möglich. Manche kommen direkt nach der Schule, viele haben jedoch auch schon ein abgeschlossenes Studium oder eine Ausbildung hinter sich oder waren schon viele Jahre berufstätig.   

Einstellungskriterien sind, Gemeinschaftsfähigkeit und die berechtigte Annahme, keine Selbst oder Fremdgefährdung darzustellen. Eine psychische Erkrankung muss im Vordergrund stehen.  

Das Wichtigste hier in der Fahrradwerkstatt ist die Arbeit auf Augenhöhe und so wird jede*r Mitarbeiter*in gleichbehandeltEine faire Bezahlung ist ein weiteres Merkmal. Noch bedeutsamer für die Angestellten ist die Chance, wieder einen geregelten Tagesablauf erlangen. Denn gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen neigen dazu sich zu isolieren und verlieren so den Anschluss. Deswegen ist es auch so wichtig, dass sie hier das Gefühl bekommen wirklich gebraucht zu werden, auch wenn es nur für die kleinsten Arbeiten ist. Denn Anerkennung und Wertschätzung stärken das Selbstbewusstsein jedes Menschen. Auch das Gemeinschaftsgefühl, das sie bei der Arbeit in der Fahrradwerkstatt erleben, hilft den Betroffenen dabei, sich wieder mehr ins alltägliche Leben zu integrieren und soziale Kontakte zu knüpfen, berichtet Hermann Lutz.   

Die Fahrradwerkstatt als Teil des Erthal Sozialwerks, trägt somit viel zur sozialen Nachhaltigkeit bei, indem sie ihre Mitarbeiter*innen beruflich integriert, pädagogisch begleitet und auch individuell fördert. Außerdem wird den Betroffenen jederzeit Hilfe im Umgang mit seiner/ihrer Krankheit angeboten.  

In der Fahrradwerkstatt finden Personen mit einer psychischen Erkrankung oder Behinderung einen Arbeitsplatz, bei dem sie einen wertschätzenden Umgang erfahren und dabei fair entlohnt werden. Deswegen ist das meinem Eindruck nach, ein gutes Beispiel für gelungene Integration.   

Quellen:  

Tabea Hanstein