Fridays for Future in Würzburg

Fotografie von Veronika Zirbs

Erst letzten Freitag, am 11.12.2020, wurde beim EU-Gipfel in Brüssel ein strengeres Klimaziel festgelegt. Dazu gehört auch die Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um mindestens 55% bis 2030, obwohl von der Wissenschaft eine Minderung von mindestens 65% verlangt wird, um die 1,5°C Grenze zu erreichen. Dies stellt einen weiteren Schritt in die richtige Richtung dar, für den sich die Fridays for Future (FFF) Bewegung stark einsetzt. Jedoch unternimmt die Politik in den Augen der Bewegung nicht genug, und so fordert FFF weiterhin bestimmte Maßnahmen ab sofort. Wie viel eine einzelne Person bewirken kann erfahrt ihr von Veronika, die in Würzburg bei Demonstrationen oder anderen Aktionen von FFF mitwirkt.   

Mittlerweile sollte jede*r von euch schon einmal von Fridays for Future gehört haben. Schüler*innen und Studierende auf der ganzen Welt gehen auf die Straße, um auf die unzureichende Klimapolitik aufmerksam zu machen. Die Streikenden fordern vor allem das Einhalten des Pariser Abkommensdes 1,5°C-Ziels und den Kohleausstieg bis 2030Mittlerweile existieren in Deutschland schon mehr als 500 einzelne Ortsgruppen, die sich über WhatsApp oder Telegramgruppen organisieren und dort Informationen, wie zum Beispiel über den nächsten Streik, verbreiten. Den Gruppen kann man ganz einfach über Links auf der offiziellen Fridays for Future Website beitreten. 

Auch in Würzburg gibt es viele engagierte Aktive bei Fridays for Future. Dazu gehört auch Veronika, sie ist 22 Jahre alt und Philosophiestudentin. In diesem Interview erzählt sie uns wie sie zu Fridays for Future kam, was dort ihre Aufgaben sind und wie sie zurzeit trotz Corona aktiv bleiben. Außerdem teilt Veronika mit uns, wie man ihrer Meinung nach Nachhaltigkeit angehen sollte und was jede*r Einzelne ganz leicht dazu beitragen kann. 


Hey Veronika! Was genau hat dich dazu bewegt dich der Organisation in Würzburg anzuschließen und aktiv zu werden?  
Ich wollte unbedingt aktiv etwas gegen die Zerstörung der Natur tun. Das war ein Thema, das mich schon lange beschäftigt hatte. Aber eher im Negativen, die schlimmen Zukunftsaussichten waren eher lähmend. So war ich vor Fridays For Future ziemlich ratlos und überfordert, wie ich mich in diese Richtung engagieren kann. Aber als die Demos anfingen, war ich sofort dabei. Als hätte ich nur drauf gewartet. 

Und für was bist du seitdem alles verantwortlich?  
Bei Fridays For Future übernehme ich ganz verschiedene Aufgaben, je nach dem, was ansteht. Das umfasst zum Beispiel die Planung und Organisation von Aktionen, Posts auf Social Media, Schreiben von Pressemitteilungen und vieles mehr. Eine Zeit lang habe ich vor allem das Aufhängen von Werbeplakaten für die großen Demos organisiert. Da muss man ja auch schauen, dass rechtzeitig in allen Stadtteilen was hängt.  
Das Schöne an Fridays For Future ist aber, dass man ganz frei ist und machen kann, was man möchte. Man kann sich wirklich austoben, wenn man eine Idee hat. Wegen Corona könnte man denken, dass wir gerade nur eingeschränkt und resigniert sind, aber stattdessen werden wir kreativ. 

In den letzten Jahren, vor allem 2019 haben sich unzählige Gruppen in unzähligen Städten gebildet. Was habt ihr in Würzburg schon umgesetzt und/oder was wollt ihr noch erreichen? 
In Würzburg haben wir viele tolle Demonstrationen auf die Beine gestellt, einige davon waren richtige Massendemos mit bis zu achttausend Leuten. Davon hatten wir ein paar und die waren ja zugleich auf der ganzen Welt sehr erfolgreich. Was für ein Gefühl, wenn man sich plötzlich mit Millionen von Menschen auf der ganzen Erde so verbunden fühlt! Es gab darüber hinaus noch andere Aktionen, gerade in Coronazeiten versuchen wir, neue Wege des Protests zu finden. 
Speziell für Würzburg haben wir einen Forderungskatalog an den Stadtrat überreicht, der für verschiedene Bereiche wie Mobilität, Verwaltung oder Gebäudebau in Würzburg konkrete Vorschläge unterbreitet. Leider wurde der Katalog unseres Wissens bisher nicht berücksichtigt und der Klimanotstand wurde auch noch nicht ausgerufen. Das wäre also noch zu erreichen und da müssen wir weiter Druck machen. 
Zugegeben haben wir uns auf lokaler Ebene bisher eher wenig betätigt. Wir unterstützen das Steigerwald-Bündnis und hatten einige Gespräche mit dem Klimabürgermeister Martin Heilig. Das ist aber wirklich noch ausbaufähig. Zum Beispiel wollen wir in Zukunft gerne mehr mit dem BUND Naturschutz Würzburg zusammenarbeiten. 

Wirst du von deinem Umfeld, also von deinen Eltern und Freunden unterstützt oder triffst du dort auf gegensätzliche Meinungen? Und wenn ja, wie gehst du damit um?  
Meine Eltern und Geschwister kommen selber immer wieder zu den Demos und stehen da voll hinter mir. Ich weiß aber, dass es leider gerade unter Schüler*innen Fälle mit weniger Unterstützung gibt. Das sind dann oft Eltern, die mit ziemlichem Tunnelblick aufs Abitur schielen. Dass ihre Tochter vom Einser-Abi in einer sterbenden Natur wenig hat, realisieren sie nicht. 
Was Meinungen im Freundeskreis betrifft, hat mich eine Freundin mal für meine Haltung kritisiert. Sie meinte, ich lebe in einer Blase, weil ich die Menschen nicht mitdenke, die auf ein Auto oder auf ihren Arbeitsplatz in einer klimaschädlichen Branche angewiesen sind. Dass das alles so radikal nicht funktioniere.  
Ich habe diese Kritik dankbar angenommen. Es passiert schnell, dass man etwas aus dem Blick verliert oder erst gar nicht auf dem Schirm hatte. Mein Anliegen, die Klimaerwärmung möglichst zielstrebig abzuschwächen (Abschwächen ist ja das Maximum, was noch drin ist), hat sich dadurch nicht geändert. Aber ich versuche, sensibler für die Fragen und Unsicherheiten zu sein, die bei dieser Transformation aufkommen können.  
Wirklich destruktive Kritik habe ich aus meinem persönlichen Umfeld noch nicht erhalten. Ab und zu wird man von Fremden im Internet mal als „Ökofaschistin“ oder „Sozialschmarotzerin“ (warum auch immer) bezeichnet. Oder es kommen bodenlose Anschuldigungen. Das beachte ich nicht. 

Was würdest du zu einer Person sagen, die der Meinung ist, dass eure Demonstrationen nichts bewirken? Oder sich sogar über euch lustig machen? 
„Das kannst du nicht beweisen!“ – Nein, Spaß. Obwohl es ganz gut zusammenfasst, was ich entgegnen würde. Man kann eben nicht wissen, ob sie nicht doch etwas bewirken. Und solange die Möglichkeit besteht, werde ich weitermachen, weil es mir und ganz vielen anderen einfach Hoffnung gibt. Und weil ich mich verpflichtet fühle, etwas zu tun. 
Man könnte auch noch auf ein paar kleine Erfolge verweisen: In einigen Ländern hat Fridays For Future den Klimanotstand, in Deutschland ein (wenn auch unzureichendes) Klimapaket bewirkt und insgesamt haben wir viel Aufmerksamkeit für das Thema erzeugt. 
Viele Menschen denken anders über das Thema, sie erkennen die Gefahr. Meine Mutter sagte im Herbst 2019 zu mir: „Ich hab’ den Klimawandel unterschätzt. Ihr habt recht, wir machen euch die Zukunft kaputt.“ Meine Eltern schreiben seitdem immer wieder ganz tolle Leserbriefe, die sich für Klima- und Naturschutz positionieren. Ist das nichts? 

Wie geht ihr zurzeit mit der Corona Pandemie um, beziehungsweise was bleiben euch für Möglichkeiten? Welche Alternativen habt ihr gefunden, um trotzdem noch Aufmerksamkeit zu generieren? 
Seit den Lockerungen im Juni sind wir wieder sehr aktiv. Wir konferieren wöchentlich und suchen nach verschiedenen Protestformen. Aktionen ohne Menschen sind immer möglich: Kreideaktionen, Schilder an Bäumen, neuerdings haben wir ein Mini-Museum zum Thema Klimagerechtigkeit. Das besteht aus vier Holzwänden und kurzen informativen Texten und Bildern. Das stellen wir halt für ein paar Stunden in die Stadt und wer vorbeikommt, wird auf das Problem aufmerksam. Aktionen mit wenigen Menschen klappen auch super: Maske auf und mit zehn Leuten eine kurze Kundgebung abhalten. Das erzeugt etwas Aufmerksamkeit. 
Im Sommer gab es ja dann einige Demos auf den Mainwiesen, eine mit 700 Menschen. Wir haben die Kundgebung in Blöcke unterteilt und immer wieder auf die Abstandsregel hingewiesen. Das hat sehr gut funktioniert. Also wir finden Wege und lassen uns nicht ausbremsen. Aber ganz easy ist es tatsächlich nicht. 

Welchen Tipp kannst du unseren Leser*innen geben, den sie ganz einfach in ihren Alltag integrieren können, um ein Stück nachhaltiger zu leben?  
Das Übliche: Fahrradfahren, vegane Ernährung, möglichst regional, bio und plastiksparend Einkaufen, Stromsparen, Second Hand statt neu. Ich gebe mir Mühe, aber ich bin nicht perfekt. Ist niemand. 
Am wirkungsvollsten ist wahrscheinlich die vegane Ernährung und die kann ich auch sehr empfehlen. Neben der Natur betrachtet unsere Gesellschaft nämlich auch die als Nutztiere gezüchteten Lebewesen als bloße Ressource. Sie müssen meist ein ganz miserables Dasein führen, um schließlich umgebracht zu werden. 
Ich habe mich da ziemlich langsam umgestellt, mir nie Vorschriften gemacht. Es geht hier überhaupt nicht darum, konsequent zu sein! Bitte lasst euch das von niemandem sagen. Es geht um die Tendenz in die richtige Richtung. So frage ich mich bei jeder Mahlzeit: Will ich die unwürdigen Lebensumstände von Nutztieren und den extremen CO2-Ausstoß, den das begleitet, heute unterstützen oder boykottieren? Meistens boykottiere ich, aber wenn nicht, dann eben nicht. Mir geht es damit sehr gut, ich habe sogar den Eindruck, dass meine Pollenallergie schwächer geworden ist. 

Vielen Dank Veronika für das tolle Interview!  

Wenn ihr auch Teil der Community in Würzburg werden wollt, könnt ihr ganz einfach unter diesem Link der WhatsApp Gruppe beitreten und ebenfalls aktiv werden.   
https://fridaysforfuture.de/regionalgruppen/  

Das Interview führte für uns das Teammitglied Tabea Hanstein.

Fotografie von Veronika Zirbs

Fotografie von Veronika Zirbs

Quellen:  

Tabea Hanstein